Sonntag, 6. Februar 2011

9 - Im Frühtau zu Berge ...

Samstag, der 5.2.2011
(von Horst-G. Lippold)


Auf dem Gipfel

Am frühen Morgen um 1.40 Uhr klingelte der Wecker, um nach einem kurzen Frühstück pünktlich um 2.30 Uhr mit unseren drei Führern die Operation Gipfelsturm zu starten.

Das war ein schon fast psychedelisches Erlebnis, obwohl ich wie die meisten Teilnehmer am Vorabend schon gegen acht Uhr früh in´s Bett gegangen war und zudem das Glück hatte, mit drei Teilnehmerinnen ein Nichtschnarcherzimmer zu teilen (das türkische Sägewerk war in der benachbarten Hütte).

Ich finde es wunderbar, dass alle Teilnehmer trotz der extremen Steigungen und zunehmend dünneren Luft den Weg bis Ratan Laba auf 3300m geschafft hatten. 3300m; das muss man sich mal vorstellen!!

Die letzten paar hundert Meter und Höhenmeter bis dorthin waren nämlich derart atem- und kraftraubend gewesen, dass ich mich ernsthaft gefragt habe, wie wir am Morgen die letzten 700 Höhenmeter und 2,5 km Strecke bewältigen sollten. Weil einige wegen Knieproblemen oder ähnlicher Wehwehchen leider bzw. vernünftigerweise verzichten mussten, haben wir unsere Operation schließlich zu zehnt gestartet.

Bewaffnet mit Stirnlampen und winddichter Winterkleidung haben wir immer weiter aufwärts gehend durch die stockdunkle Nacht alsbald die Vegetationsgrenze erreicht und uns gehend, krabbelnd und kletternd zum Teil unter Zuhilfenahme von Führungsseilen über die nunmehr kahlen Granitfelsen allmählich dem Gipfel genähert. Trotz meiner Bedenken am Vorabend ging das recht gut, weil auch eine kurze Nachtruhe eben doch hilft und wir den Rat unserer Guides ("slow and steady like a snail") beherzigt und des öfteren Atempausen in der immer kälteren und dünneren Luft eingelegt haben (naja, wohl eher einlegen mussten).

Zwei Teilnehmerinnen mussten leider dennoch wegen heftiger Probleme mit der Höhenkrankheit umkehren und so haben schließlich nach und nach acht Glückliche den Gipfel erreicht. Weil wir dann z.T. noch eineinhalb Stunden in der sternenklaren Nacht bis zum Sonnenaufgang um sechs Uhr ausharren durften (wir waren wohl doch zu schnell oben), mussten schließlich zwei Nassgeschwitzte und Frierende dann auch schon im Dunkeln wieder absteigen. Das Gruppenphoto vor der Sonne zeigt deshalb auch nur sechs Gipfelstürmer.

Besagte und sehnlichst erwartete Sonne ging dann endlich um sechs Uhr auf und was soll ich sagen: es war ein Traum, einer der so seltenen Momente des Glücks und Stolzes und der Euphorie. Richtig nachvollziehen kann man es nur, wenn man es selbst erlebt hat. Das erste Mal im Leben auf einem Viertausender und wer weiss, wann und ob das nochmal passiert.

Weil wir unüblicher Weise schon am Parkeingang auf 1500m und zur Verblüffung unserer Guides nicht wie jeder normale Bergwanderer erst am Endpunkt der Strasse im Nationalpark auf 2000m losgegangen waren, hatten wir also in zwei Etappen 2600 Höhenmeter auf den höchsten Berg in Südostasien bewältigt!

Nach diversen Photos mit und ohne deutsche Fahne haben wir dann auch wieder voller Begeisterung und mit dem Blick auf das atemberaubende Bergpanorama im strahlenden Sonnenschein den Rückweg angetreten. Zurück in Laban Rata, wo wir von den anderen Teilnehmern schon erwartet und von anderen Gruppen mit den Worten "hello Germany" begrüsst wurden, konnten wir gegen acht / halb neun mit Heisshunger unser zweites Frühstück, das wir uns redlich verdient hatten, zu uns nehmen.

Anschließend hat sich die gesamte Gruppe nach und nach auf den recht anstrengenden Rückweg zum Startpunkt begeben, um dort schließlich (im nunmehr wieder im strömenden Regen) mit weichen Knien und Puddingbeinen anzukommen. Die Summe der Höhenmeter bleibt eben unabhängig von der Laufrichtung immer gleich und lediglich Atemprobleme gab es abwärts keine mehr.

Anders als beim Aufstieg am Vortag konnte ich allerdings jetzt auch erkennen und würdigen, wie traumhaft schön der Weg und die Landschaft waren. Wir haben uns gewundert, dass uns irgendwann keine Menschen auf dem Weg nach oben mehr entgegen kamen und später erfahren, dass der Weg nach Laban Rata gegen Mittag wegen des heftigen Regens gesperrt wurde. Gottseidank sind wir am Vortag gegangen!

Nach einem leckeren Mittagessen im Buffet-Restaurant am Parkeingang haben sich dann gegen zwei Uhr die ersten 10 müden Krieger auf den Rückweg nach Kota Kinabalu (oder KK, wie man hier sagt) gemacht, während ich auf die letzten Rückkehrer gewartet habe, die schließlich gegen 5 Uhr naß und müde, aber stolz und glücklich eingetroffen sind.

Auf dem Weg zum wartenden Taxi sind wir dann wegen des nunmehr sintflutartigen Regens alle nochmal so richtig klatschnaß geworden und konnten endlich den Heimweg zum Hotel antreten. Ich habe die zweistündige Autofahrt wegen einer gewissen Erschöpfung und Übermüdung wohl so ziemlich verschlafen, mir aber berichten lassen, dass die Fahrt wegen umgestürzter Bäume, liegengebliebener Autos und z.T. überschwemmter Straße originell gewesen sein muss.

Zurück im Hotel ging es nach kurzer Dusche sowie Wäschewechsel und -aufhängen zum gemeinsamen Abendessen im Foodcourt, den wir schon von unserem ersten Abend in KK in guter Erinnerung hatten. Dort trafen wir auch den Rest der Gruppe und waren endlich wieder alle vereint bei leckerem Essen und isotonischem Gerstensaft.

Fazit: für alle von uns eine zweitägige Grenzerfahrung, die stolz und glücklich macht und die wirklich alle geschafft haben und alle geschafft hat und wohl keiner vergessen wird; eine tolle Truppe.

Die von einigen beim Abendessen gestellte Frage, ob es denn das nächste Mal auf einen Fünftausender gehe, habe ich allerdings lieber offengelassen.

Für heute verbleibe ich mit dem Motto: "das Wandern ist des Müllers Lust". In dem Sinne an alle Daheimgebliebenen:

And if i don´t see you:
good afternoon, good evening and good night.

Horst-G. Lippold









alles für die Leser

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