Mittwoch, der 09.02.2011
(von Röttger Michael Maier)
Während wir bisher den geradezu sprichwörtlichen Sanftmut Asiens auf unserer Reise genossen haben erschlägt uns Manila mit zunächst gänzlich anderen Eindrücken:
Szene Vorabend:
Schon die Ankunft am Flughafen und Weiterfahrt offenbart einen Teil der philippinischen Vergangenheit. Der ehemalige Militärflughafen ist umgeben von unzähligen verlassenen militärischen Anlagen wie Mannschaftsunterkünften und Munitionsbunkern – in Beton gegossene Zeugen einer Zeit der Diktatur in der das Militär allgegenwärtig gewesen sein muss. Auch adrett um die Bunker gepflanzte Haine vermögen dies nicht zu verbergen.
Der langjährige starke Einfluss Spaniens als ehemalige Kolonialmacht und Amerikas als „uneigennütziger Freund und Förderer“ nach WW II ist überall offenbar. Nicht nur der Straßenverkehr unterscheidet sich vom restlichen Asien durch Rechtsverkehr und eine Aggressivität wie wir sie allenfalls in Europa kennen.
Durch die Rushhour zieht sich die Fahrt in die Innenstadt Manilas in´s Endlose, vorbei an heruntergekommenen Fassaden, abenteuerlich verlegten Oberleitungen, Wellblechhütten soweit das Auge reicht in den Vororten, offensichtliche Armut in der Gosse. Der Moloch Manila zieht wie in vielen armen Ländern der Welt scheinbar viele Menschen mit der (unerfüllt bleibenden)Hoffnung auf ein besseres Leben an – 40% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze...
Wer alle diese Eindrücke und Beobachtungen wegen Müdigkeit verschlafen hatte wurde spätestens am Busbahnhof von der Realität eingeholt: eigens für die Ankunft von Touristenbussen abgestellte, mit Pumpguns bewaffnete Sicherheitskräfte schirmten uns von den zahlreichen Straßenhändlern und massiv drängenden Taxifahrern wirkungsvoll ab. Diese für Westeuropäer ungewohnte Kulisse vor nächtlichem Hintergrund ließ bereits erkennen, dass Gewalt offensichtlich eine Rolle spielt, so dass unser Ausgehverhalten darauf einzustellen ist.
Auch die, wie wir später erfuhren, allgegenwärtige Korruption holte uns bereits am ersten Abend eindrucksvoll ein. So wurden einige Mitreisende von der Polizei aufgegriffen und mussten zur Klärung der Vorwürfe und „Aufnahme“ der Personalien auf einem Schmierzettel zur nächsten Station mitkommen. Der Vorwurf wog schwer: Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit unter freiem Himmel! Unser Vergehen bestand aus Unwissenheit darin, unser mitgebrachtes Bier unverhohlen am Kai trinken zu wollen. Dieser Umstand wird offiziell, verbunden mit erheblichen bürokratischen Scherereien die sich über Tage hinziehen können, mit 2.500 Peso pro Person (ca. 40 EUR) geahndet.
Nach Zahlung einer kleinen „Spende“ in Höhe von 100 EUR (für die es natürlich keine Quittung gibt) wurden alle Vorwürfe fallen gelassen und die Übeltäter konnten unbehelligt, inkl. unserem vorher konfisziertem Bier (=Sicherung von Beweismaterial), von Dannen ziehen...
Szenenwechsel: nächster Morgen

bei Bayer Philippines
Die Erinnerungen und Erlebnisse vom Vorabend hallen noch nach. Aber während der neue Tag beginnt drängt sich die Frage was der heutige Tag an neuen Erfahrungen und Eindrücken bereithält in den Vordergrund.
Geplant ist ein Besuch des örtlichen Bayer Werkes mit den Sparten „Animal Health Care“ und „Crop Science“ (=Pflanzenschutz).
Nach einer Besichtigung der sehr ordentlichen, aufgeräumten und gut strukturierten Produktionsstätte (allerdings auf eher einfachem Niveau) schlossen sich zwei Präsentationen und eine lockere Diskussionsrunde an.
Wie bei den zahlreichen Firmenbesuchen vorher wurde auch bei Bayer der westliche Einfluss auf die Organisation deutlich sichtbar. So wurden alle wesentlichen Aufbau- und Ablauforganisatorischen Vorgaben an die örtlichen Verhältnisse adaptiert; internationale Qualitätszertifikate wie z.B. DIN ISO 9000 ff. und weitere sind der Standard.
Auch im Lohngefüge offenbaren sich westliche Realitäten: obwohl die Arbeit der Beschäftigten Werker nicht sonderlich anspruchsvoll aussah, sind in diesem Bereich die Löhne etwa viermal höher als der nationale Standard: 20 EUR gegenüber 5 EUR pro Manntag („Chemietarif“ lässt grüßen).
Interessant auch das Interesse des ausschließlich belieferten philippinischen Marktes an Qualitätserzeugnissen. So wurde beispielhaft der Preis eines ungenannten Produktes von 18 Peso/kg genannt, den der Wettbewerb mit 10Peso/kg deutlich unterbietet. Der höhere Preis und warum Bayer in diesem Bereich trotzdem erfolgreich am Markt bestehen kann, wurde mit der Qualität der verwendeten Rohstoffe und Endprodukte sowie der konsequenten Vermeidung von Zulieferungen aus China begründet, welche üblichen Qualitätsstandards nicht standhalten!!!
Auch das nahezu unvermeidliche Thema Korruption wurde erörtert und offen diskutiert, sowie unsere persönliche Erfahrung vom Vorabend als allgegenwärtig im geschäftlichen Umfeld bestätigt.
So besteht seitens Bayer der „dringende Verdacht“ dass bestimmte Genehmigungsverfahren und notwendige Verwaltungsakte von Wettbewerbern deutlich „beschleunigt“ werden, wie auch immer... (remember: „100 EUR Spende“).
Da jedoch die internationalen Bayer Vorgaben zu Sicherheit, Umwelt und der „No Corruption Code“ auch hier Standard sind, muss zähneknirschend der steinige Weg gegangen werden.
In der Präsentation des Iren Mr. Reynolds, einem alten Hasen im internationalen Crop Science Business, erfahren wir, dass sich in den Philippinen der zwei klassischen Vertriebskanäle Handel und Direktvertrieb, letzterer mit ca. 15% Preisvorteil für den Kunden, bedient wird.
Als Standortvorteile wurden das gut ausgebildete, englischsprechende Personal, günstigere Logistikkosten (ca. 3% gegenüber ca. 7% in Deutschland) sowie die sehr preiswerten Lohnkosten genannt. Lediglich die Businessfinanzierung ist mit ca. 7% bis 8% teurer wie in Deutschland.
Bemerkenswert auch der Hinweis auf die günstigen Bedingungen für die Feldforschung: so entspricht das Klima im Norden des Landes in etwa dem mitteleuropäischen Hochsommer und ermöglicht hier ganzjährige Freilandforschung für zukünftige westeuropäische Erzeugnisse. Während in Deutschland nur eine Wachstumsperiode pro Jahr für die Forschung möglich ist, können hier bis zu drei Versuchsreihen pro Jahr durchgeführt werden, was die Geschwindigkeit und Effizienz der Forschung deutlich erhöht.
Nach abschließenden Snacks und Drinks gestärkt und dem obligatorischen Gruppenfoto, verabschiedeten wir uns und brachen zu unserer nächsten Station auf.
Röttger Michael Maier
